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Wie ein wilder Stier (Raging Bull)

von Sven Vobig

Wie ein wilder Stier ist ein von Martin Scorsese inszeniertes Drama, das den Aufstieg und Fall des aus der Bronx stammenden Boxers Jake La Motta zum Inhalt hat. Der „Stier aus der Bronx“ war von 1949-1951 Mittelgewichtsweltmeister. Seinen Spitznamen „Raging Bull“ (der Originaltitel des Films) erhielt er, weil er ohne Rücksicht auf eigene Verluste fightete, bereit war mehrere Treffer selbst einzustecken, nur um seinen Gegner einmal zu treffen. Er konnte unglaublich viele Schläge verkraften und ging in seiner Karriere kein einziges Mal K.O. zu Boden.
Während der Dreharbeiten zu „Der Pate II“ wurde Robert de Niro die Autobiographie von Jake La Motta zugeschickt, die ihn sofort faszinierte. Er versuchte Martin Scorsese für das Projekt zu begeistern, mit dem er schon „Hexenkessel“, „Taxi Driver“ und „New York, New York“ gedreht hatte. Scorsese zeigte sich zunächst wenig begeistert von der Idee, konnte er dem Boxsport doch absolut nichts abgewinnen. Doch de Niro konnte ihn davon überzeugen, dass in Jake mehr steckt, dass seine Figur komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag: „Dieser Stil von ihm – das Gesicht rausstrecken, die Schläge einstecken, seine Gegner zermürben. Irgendwo muss eine Schuld in ihm stecken, freiwillig Schläge einzustecken“ (Robert de Niro).
Der Film wurde dann schließlich 1980 fertig gestellt und kam in die Kinos. Neben Robert de Niro als Jake La Motta spielte Joe Pesci seinen Bruder Joey und Cathy Moriarty seine zweite Ehefrau Vickie. Scorsese und de Niro entschieden sich ganz bewusst auf Laien oder kaum bekannte Schauspieler zu setzen und ein Höchstmaß an Authentizität zu vermitteln. Der Film ist (fast) komplett in schwarz-weiß gedreht, eijne Entscheidung die Scorsese bewusst fällte, um den lüsternen Blick des Publikums auf das Blut der Kämpfer zu enttäuschen und damit die Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten.
Die Handlung des Films ist recht schnell erzählt. Der aus der Bronx stammende Boxer Jake La Motta, ein eigensüchtiger und brutaler Mensch, geht seinen Weg mit Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit nach Oben. Dabei möchte er nichts mit den Machenschaften der Mafia in seinem Viertel zu tun haben, auch wenn ihm sein Bruder Joey anrät mit ihnen zusammen zu arbeiten, das ein ihm sonst echte Probleme bereiten könnten. Schließlich willigt er dann doch ein und verliert auf deren Geheiß einen Kampf gegen einen wesentlich schlechteren Boxer.
An der Spitze der Boxwelt schließlich angekommen, lässt er sich dann gehen und kommt außer Form. Seinen Titel muss er dann 1951 in einem dramatischen und blutigen Kampf gegen Sugar Ray Robinson abgeben, in dem er sich aber  besonders dafür rühmt, dass ihn Sugar Ray nicht zu Boden bekommen hat. Seien zweite Frau Vicky lässt von ihm scheiden und er gerät in immer größere finanzielle Schwierigkeiten. Am Ende des Films sieht man den aufgedunsenen Jake als Stand-Up-Comedian in seinem eigenen Nachtclub, wo er wegen Verführung einer Minderjährigen dann auch verhaftet wird.
Robert de Niro bereitete sich auf ganz spezielle Weise auf diese Rolle vor. Um für die Rolle des Boxers in Höchstform fit zu werden trainierte er ein Jahr mit dem echten „Stier aus der Bronx“. Dabei brach er diesem eine Rippe, verpasste ihm mehrere blaue Augen und schlug ihm vier Zahnkappen aus dem Gebiss. Jake La Motta äußerte sich hinterher auch voller Respekt über Robert de Niro. Er halte diesen für einen der 20 besten Mittelgewichtler und könne ihn, sollte er die Schauspielerei an den Nagel hängen problemlos zu einem Weltklasseboxer machen. Bei dem gemeinsamen Training sollte de Niro aber nicht nur Fit für die Boxszenen gemacht werden, ein Ziel war es auch den Kampfstil von La Motta zu kopieren, was de Niro auch zunehmend besser gelang.
Die größte Herausforderung in der Vorbereitung auf den Film war aber nicht der Aufbau von Muskelmasse, um dem Boxer in seiner Höchstform möglichst ähnlich zu sehen, sondern im Anschluss die Gewichtszunahme, um dem übergewichtigen Komiker Jake La Motta zu ähneln. Diese Gewichtszunahme hätte man auch problemlos mit Polstern suggerieren können; das war für Robert de Niro jedoch nicht gut genug. Und so legte man die Drehphasen so, dass er zwischen den Boxer- und den Komikerszenen gut drei Monate Zeit hatte, sich die entsprechenden Fettpolster in französischen Zwei- und Drei-Sterne-Restaurants anzufuttern. In dieser Zeit nahm Robert de Niro mehr als 20 Kilo zu, was ihm bei den weiteren Dreharbeiten große Probleme bereitete, weil er ständig unter Atemnot und Erschöpfung litt und deswegen nicht allzu viele Wiederholungen einzelner Szenen gedreht werden konnten.
Wie ein wilder Stier wurde ob seines dramaturgischen Aufbaus vielfach von Kritikern und Zuschauern kritisiert. Dennoch erhielt er 8 Oscar-Nominierungen und gewann die begehrte Trophäe in zwei davon: Robert de Niro erhielt für seine bewundernswerte und ruinöse Darstellung des Jake La Motta den Oscar für den besten Hauptdarsteller, Thelma Schoonmaker erhielt ihren für den besten Schnitt.


Literatur:

Zurhorst, Meinolf: Robert de Niro. Seine Filme – Sein Leben, München 1987.

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